Ausgewählte Texte

Tod bedeutet Leben

Auszug aus Isis Entschleiert

„Was geht aus dem Tode hervor?“ fragte Sokrates Kebes. „Leben“, war die Antwort.* „Kann die Seele, da sie unsterblich ist, etwas anderes sein als unvergänglich?“** Der „Same kann sich nicht entwickeln, wenn er nicht teilweise verzehrt wird“, sagt Prof. Lecomte; „er wird nicht lebendig, wenn er nicht stirbt“, sagt St. Paul.

Eine Blume blüht; dann verwelkt sie und stirbt. Sie hinterlässt einen Wohlgeruch, der noch lange in der Luft verweilt, noch lange, wenn ihre zarten Staubgefäße nur noch ein Häufchen Staub geworden sind. Unser materieller Verstand mag davon keine Kenntnis haben, aber dennoch besteht dieser Duft noch. Schlägt man auf einem Instrument einen Ton an, so wird selbst der schwächste ein ewiges Echo erzeugen. Eine Störung wird geschaffen auf den unsichtbaren Wogen des uferlosen Ozeans des Raumes, und die Vibration geht niemals ganz verloren. Ist ihre Kraft erst einmal aus der Welt des Stoffes in die immaterielle Welt gekommen, so wird sie für immer leben. Und der Mensch, man verlangt von uns, es zu glauben, der Mensch, das lebendige, denkende, urteilende Wesen, die innewohnende Gottheit des Meisterstückes, das unsere Natur krönt, er wird sein Gefäß ausleeren und nicht mehr sein! Wollte das Prinzip der Kontinuität, das selbst für den unorganischen Stoff gilt und auch für sein schwankendes Atom, dem Geiste gegenüber geleugnet werden, dessen Eigenschaften Bewusstsein, Gedächtnis, Geist und Liebe sind? Wirklich, schon der Gedanke daran ist widersinnig.

*  Platon: Phaidon, Abs. 16
** Platon: Phaidon, Abs. 56

Aus: Helena Petrowna Blavatsky: Isis Entschleiert, Originalausgabe, Band I, S. 120 f.

 

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