Ausgewählte Texte

Ostern – die verborgene Symbolik des Eies

Helena Petrowna Blavatsky

Ostern, das Fest der Auferstehung Christi, gilt als das älteste christliche Fest. Eng mit der Auferstehung ist das Symbol des Eies verbunden. Ein Ausflug in die Kultur­geschichte nahezu aller Länder zeigt jedoch, dass sich die Symbolik des Eies und die damit verbundene Auferstehung tatsächlich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen lassen.

Im Folgenden geben wir eine Zusammenstellung aus der „Geheimlehre“ von H. P. Blavatsky wieder, die zeigt, wie tiefgehend die Symbolik des Eies zu allen Zeiten ausgelegt wurde, dass sie uns „Modernen“ aber fast verlorengegangen ist. Die Symbolik berührt die Wurzeln unseres Daseins und führt in Bereiche des Denkens, die den Geheimlehren unserer Vorfahren entnommen sind. (AC)

 

Das Ei der Götter

In Griechenland und in Indien wohnte das erste sichtbare männliche Wesen, das in sich die Natur beider Geschlechter vereinigte, in dem Ei und ging aus demselben hervor. Dieser „Erstgeborene der Welt“ war bei einigen Griechen Dionysos, der Gott, der aus dem Weltenei entsprang und von dem Sterbliche und Unsterbliche abstammen.

Der Gott Rê wird im Totenbuch (dem Ägyptischen Totenbuch, d. Hrsg.) dargestellt, wie er in seinem Ei (der Sonne) erglänzt und die Sterne ausstrahlt, sobald der Gott Shu (die Sonnenenergie) erwacht und ihm den Anstoß gibt. „Er ist das Sonnenei, das Ei, dem Leben gegeben ist unter den Göttern.“ Der Sonnengott ruft aus: „Ich bin die schöpferische Seele des himmlischen Abgrundes. Keiner sieht mein Nest, keiner kann mein Ei zerbrechen, ich bin der Herr!“

Symbolik der Weisheit – die Schlange

Weil die Schlange Eier hervorbringt, wurde sie ein Symbol der Weisheit und ein Emblem der Logoi oder der Selbstgeborenen. Im Tempel zu Philae in Oberägypten wurde aus mit verschiedenem Räucherwerk gemischtem Ton auf kunstvolle Art ein Ei hergestellt. Dieses wurde durch einen besonderen Vorgang ausgebrütet und eine Cerastes oder Hornviper hervorgebracht. Dasselbe geschah in den indischen Tempeln im Altertum mit der Kobra. Der schöpferische Gott taucht aus dem Ei auf, das aus dem Munde des Kneph, in Gestalt einer geflügelten Schlange, hervorgeht, denn die Schlange ist das Symbol der Allweisheit. Bei den Hebräern wurde dieselbe Gottheit durch die fliegenden oder „feurigen Schlangen“ des Moses in der Wüste dargestellt. Bei den alexandrinischen Mystikern wird sie zum Orphio-Christos, dem Logos der Gnostiker.

Wiedergeburt – das Ei als Symbol der Hoffnung

Die Abbildung eines Papyrus in Kirchers Oedipus Egyptiacus zeigt ein Ei über der Mumie schwebend. Es ist das Symbol der Hoffnung und das Versprechen einer zweiten Geburt für den osirifizierten Toten; seine Seele wird, nach entsprechender Reinigung in Amenti, in diesem Ei der Unsterblichkeit heranreifen, um daraus zu einem neuen Leben auf Erden wiedergeboren zu werden. Denn dieses Ei ist in der esoterischen Lehre Devachan, der Aufenthaltsort der Wonne; der geflügelte Skarabäus ist ein anderes Symbol dafür. Die geflügelte Kugel ist lediglich eine andere Form des Eies und hat dieselbe Bedeutung wie der Skarabäus, der Chopiru – von der Wurzel chopru, werden, wiedergeboren werden – was sich sowohl auf die Wiedergeburt des Menschen, als auch auf seine geistige Erneuerung bezieht.

In den orphischen Hymnen evolviert Eros-Phanes aus dem göttlichen Ei, das die ätherischen Winde befruchten, wobei Wind der „Geist Gottes“ ist oder vielmehr der „Geist der unbekannten Dunkelheit“ – die göttliche Idee des Plato – von der es heißt, dass sie sich im Äther bewegt.

Schöpferisches Zentrum allen Lebens

In der indischen Kathopanishad steht bereits Purusha, der göttliche Geist, vor der ursprünglichen Materie, „aus deren Vereinigung die große Seele der Welt entspringt“, Mahâ – Âtmâ, Brahmâ, der Geist des Lebens, etc. Die letzteren Benennungen sind alle gleichbedeutend mit Anima Mundi oder der „Universalseele“, dem Astrallicht oder dem „Ei der Dunkelheit“. Außer diesen gab es viele entzückende Allegorien über diesen Gegenstand, zerstreut durch die heiligen Bücher der Brâhmanen. An einer Stelle ist es der weibliche Schöpfer, der zuerst ein Keim, dann ein Tropfen himmlischen Taues, eine Perle, und dann ein Ei ist. In solchen Fällen, deren es zu viele gibt, um sie einzeln aufzuzählen, bringt das Ei die vier Elemente innerhalb des fünften, des Äthers, hervor und ist mit sieben Hüllen bedeckt, die später zu den sieben oberen und den sieben niederen Welten werden. Das Ei bricht entzwei, die Schale wird zum Himmel, das Innere zur Erde, und das Weiße bildet die irdischen Wasser. Dann wiederum ist es Vishnu, der aus dem Innern des Eies auftaucht, einen Lotos in seiner Hand.

Das Ei war der Isis geweiht, und daher aßen die Priester von Ägypten niemals Eier. Isis wird fast immer einen Lotos in der einen Hand und einen Kreis und ein Kreuz (crux ansata) in der anderen Hand haltend dargestellt. Diodorus Siculus stellt fest, dass Osiris, ebenso wie Brahmâ, aus einem Ei geboren war. Aus Ledas Ei wurden Apollo und Latona geboren, und ebenso Castor und Pollux, die leuchtenden Zwillinge. Und obwohl die Buddhisten ihrem Gründer nicht einen gleichen Ursprung zuschreiben, so essen sie doch ebensowenig wie die alten Ägypter oder die modernen Brâhmanen Eier, um nicht den darin verborgenen Keim des Lebens zu zerstören und dadurch Sünde zu begehen. Die Chinesen glauben, dass ihr erster Mensch aus einem Ei geboren wurde, das Tien vom Himmel auf die Erde in die Wasser herabfallen ließ. Dieses Eisymbol betrachten auch einige als eine Darstellung der Idee des Ursprungs des Lebens, was eine wissenschaftliche Wahrheit ist, obwohl das menschliche Ei dem bloßen Auge unsichtbar ist. Daher sehen wir die Verehrung, die ihm seit dem entferntesten Altertum bezeugt wurde, von den Griechen, Phöniziern, Römern, den Japanern und den Siamesen, den nord- und südamerikanischen Stämmen und selbst den Wilden der entferntesten Inseln.

Aus: H. P. Blavatsky: Die Geheimlehre. Bd. I, S. 385 ff. (Zusammenstellung).

Literaturempfehlungen:
Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre.
Helena Petrowna Blavatsky: Lexikon der Geheimlehren.

 

 

 

 

 

 

Darstellung des kosmischen Ur-Eies: Ein „Vogelmensch“ hält das Ei, das die Welt in sich trägt. Gefunden auf den Osterinseln im Südpazifik.

 

Darstellung des kosmischen Ur-Eies: Ein „Vogelmensch“ hält das Ei, das die Welt in sich trägt. Gefunden auf den Osterinseln im Südpazifik.

 

Der Sonnengott Re-Harachte in Gestalt eines Falken. Pyprus um 1350 v. Chr.

Der Sonnengott Re-Harachte in Gestalt eines Falken. Pyprus um 1350 v. Chr.

 

Geflügelter Skarabäus, Brustplatte von Grab des Pharaos Tutanchamun

Geflügelter Skarabäus, Brustplatte von Grab des Pharaos Tutanchamun.

 

Vishnu ruht zwischen zwei Perioden der Emanation auf der zusammengerollten Ananta, der Schlange der Unendlichkeit. Gemälde, 17. Jh.

Vishnu ruht zwischen zwei Perioden der Emanation auf der zusammengerollten Ananta, der Schlange der Unendlichkeit. Gemälde, 17. Jh.

 

Die ägyptische Gottheit Osiris, geboren aus dem Ei.

Die ägyptische Gottheit Osiris, geboren aus dem Ei.

Startseite
Impressum

Helena Petrowna Blavatsky
© Die Theosophische Gesellschaft Point Loma – Covina · Gödekeweg 8 · 30419 Hannover