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Mâyâ: Täuschung und Illusion – Gelegenheiten zum Lernen und inneren Wachsen

Alles, was wir um uns herum sehen und berühren können, halten wir für „die Realität“. Und doch sind wir einer tief greifenden Illusion unterworfen. Denn unser Bewusstsein und Gemüt ist (noch) nicht in der Lage, die verursachenden Kräfte, die hinter den äußeren Erscheinungen unserer Welt stehen, zu erkennen. Selbst die heutige Physik sagt, dass die materielle Welt aus schwingenden Energien besteht. Können wir diese Energien sehen oder ertasten? Nein, sie entziehen sich unseren physischen Sinnen. Und in Analogie sind wir regelrecht blind, taub und unwissend über die Kräfte unserer eigenen höheren Natur. Daher leben wir in einer Täuschung über unser eigenes Sein.

Dieses Phänomen wird „Mâyâ“ genannt: Mâyâ, die Täuschung. Die Feststellung, dass wir uns über die wahren Ursachen unseres Seins so leicht täuschen lassen, mag zunächst ernüchternd sein, aber in Wahrheit liegt hierin ein große Gelegenheit – die Gelegenheit, lieb gewonnene Ansichten und Denkgewohnheiten zu hinterfragen und erneut auf den Prüfstand unseres Wissens und unserer Intuition zu stellen.

Die Lehre über Mâyâ ist auch eine Aufforderung, unsere Intuition zu schulen, denn Intuition ist jene Kraft im Menschen, die die Schleier der Mâyâ heben kann. Mâyâ und Illusion sind gewissermaßen hoffnungsvolle Bestandteile des Lebens, denn sie zeigen uns, dass das universelle Leben immer IST – ohne Anfang und ohne Ende. In der zyklischen Evolution, dem ewigen Wechsel von Ruhe und Aktivität, gibt es immer neue Schleier des Bewusstseins zu lüften und neue Welten des Denkens zu erobern. Ist dies nicht eine erhabene Aussicht?

H. P. Blavatsky schreibt:

„Das Weltall mit allem, was darin ist, wird Mâyâ genannt, weil alles darinnen vergänglich ist vom kurz dauernden Leben eines Leuchtkäfers bis zu dem der Sonne. Verglichen mit der ewigen Unveränderlichkeit des EINEN und der Wandellosigkeit dieses Prinzipes muss das Weltall mit seinen vergänglichen, ewig wechselnden Formen im Gedanken eines Philosophen notwendigerweise nichts Besseres sein als ein Irrlicht. Doch ist das Weltall wirklich genug für die bewussten Wesen in demselben, die ebenso unwirklich sind, wie das erstere selbst.“

Aus: Helena Petrowna Blavatsky:
Die Geheimlehre, Band 1, S. 294–295

„Mâyâ oder Illusion ist ein Element, das in alle endlichen Dinge eintritt, denn alles, was existiert, hat nur eine relative, keine absolute Realität, da die Erscheinung, die das verborgene Ding an sich für irgend einen Beobachter annimmt, von dessen Erkenntniskraft abhängt. Für das ungeübte Auge eines Wilden ist ein Gemälde vorerst ein sinnloser Wirrwarr von Farbenstrichen und Klecksen, während das gebildete Auge sofort ein Gesicht oder eine Landschaft sieht. Nichts ist dauernd außer der einen verborgenen absoluten Existenz, welche in sich die Dinge an sich von allen Realitäten enthält. Die Existenzen einer jeden Daseinsebene, bis hinauf zu den höchsten Dhyân-Chohans, sind gewissermaßen Schatten, wie sie eine magische Laterne auf einen farblosen Schirm wirft; nichtsdestoweniger sind alle Dinge relativ real, denn der Erkennende ist selbst eine Reflexion, und die erkannten Dinge sind daher für ihn ebenso wirklich wie er selbst. Was immer für eine Wirklichkeit die Dinge besitzen, muss an ihnen untersucht werden, bevor oder nachdem sie blitzartig durch die materielle Welt gegangen sind. Eine solche Existenz können wir aber nicht direkt erkennen, solange wir nur Sinnesinstrumente haben, welche bloß materielle Existenz in das Gesichtsfeld unseres Bewusstseins bringen.“

Weiter schreibt H. P. Blavatsky:

„Auf welcher Ebene auch unser Bewusstsein tätig sein möge, so sind wir und die Dinge, die dieser Ebene, angehören, für die betreffende Zeit unsere einzigen Wirklichkeiten. In gleichem Maße, wie wir die Stufenleiter der Entwicklung emporsteigen, erfahren wir aber, dass wir während der Zustände, durch welche wir hindurchgegangen sind, Schatten fälschlich für Wirklichkeiten gehalten haben, und dass der aufwärts gerichtete Fortschritt des Ego eine Reihe fortschreitender Erwachungen ist, wobei jeder Fortschritt die Idee mit sich bringt, dass wir nunmehr endlich ,Wirklichkeit‘ erreicht haben; aber erst, wenn wir das absolute Bewusstsein erreicht und unser eigenes mit demselben verschmolzen haben werden, werden wir frei sein von den Täuschungen der Mâyâ.“

Aus: Helena Petrowna Blavatsky:
Die Geheimlehre, Band 1, S. 71–72

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Helena Petrowna Blavatsky
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