Ausgewählte Texte

Der Lotus – ein universales Symbol

Eine Zusammenstellung von Texten H. P. Blavatskys

Es gibt keine alten Symbole ohne einen damit verbundenen tiefen und philosophischen Sinn. Ein solches Symbol ist der Lotos. Er ist die der Natur und ihren Göttern geweihte Blume. Sie stellt das abstrakte und das konkrete Weltall dar, indem sie als das Sinnbild der hervorbringenden Kräfte sowohl der geistigen als auch der körperlichen Natur steht. Der Lotos wurde vom entferntesten Altertum her gleichermaßen heilig gehalten, von den arischen Hindus, den Ägyptern und nach ihnen von den Buddhisten. Er wurde in China und Japan verehrt und als ein christliches Sinnbild von der griechischen und der lateinischen Kirche angenommen, die einen Sendboten aus ihm machten, Christen ihn durch die Wasserlilie ersetzten.

Eine äußerst okkulte Pflanze

Der Lotos ist eine äußerst okkulte Pflanze. Einer seiner Namen ist „das Kind des Universums, das die Ähnlichkeit mit seiner Mutter in seinem Schoß trägt“. Es gab eine Zeit, „da die Welt ein goldener Lotos war“, sagt die Allegorie.

Der Lotos oder Padma ist auch ein sehr altes und beliebtes Symbol für den Kosmos selbst und ebenso für den Menschen. Es gibt zwei populäre Gründe dafür. Erstens: Die Samen des Lotos enthalten, selbst bevor sie keimen, vollkommen ausgebildete Blätter, sie sind Kleinbilder dessen, was sie eines Tages als vollendete Pflanze werden sollen. Dies versinnlicht die Tatsache, dass die geistigen Vorbilder aller Dinge in der unkörperlichen Welt existieren, bevor sie auf Erden verkörpert werden.

Der zweite Grund ist der Umstand, dass die Lotospflanze durch das Wasser emporwächst, während sie ihre Wurzel in der llys oder dem Schlamm hat, und ihre Blüte aufwärts in die Luft ausbreitet. Der Lotos versinnbildlicht somit das Leben des Menschen und auch das des Kosmos, denn die Geheimlehre lehrt, dass die Elemente beider dieselben sind und dass sich beide in derselben Richtung entwickeln. Die in dem Schlamm versenkte Wurzel stellt das stoffliche Leben dar, der durch das Wasser aufsteigende Stängel das Dasein in der Astralwelt, und die Blume, die auf dem Wasser schwimmt und sich dem Himmel öffnet, bedeutet das geistige Sein.

Die mystische Bedeutung ist universal

Das Sinnbild des Lotos hatte und hat noch seine mystische Bedeutung, die bei jeder Nation auf Erden dieselbe ist. Bei den Hindus ist der Lotos das Symbol der hervorbringenden Kraft der Natur durch die Tätigkeit von Feuer und Wasser oder Geist und Stoff. „O du Ewiger! Ich sehe Brahmâ, den Schöpfer, thronend in dir auf dem Lotos!“ sagt ein Vers in der Bhagavad-Gîtâ.

Der Lotos ist in Indien das Symbol der fruchtbaren Erde, und was mehr ist, des Berges Meru. Die vier Engel oder Genien der vier Viertel des Himmels, die Mahârâjas der Strophen, stehen ein jeder auf einem Lotos. Der Lotos ist das zweifache Sinnbild des göttlichen und menschlichen Hermaphroditen, da er sozusagen von doppeltem Geschlecht ist.

Bei den Indern evolvierte der Geist des Feuers oder der Wärme – die alles, was aus dem Wasser oder der ursprünglichen Erde geboren ist, aus seinem idealen Vorbild zu konkreter Form aufrüttelt, befruchtet und entwickelt – den Brahmâ. Die Lotosblume, dargestellt, wie sie hervorwächst aus dem Nabel des Vishnu, des Gottes, der in den Wassern des Raumes auf der Schlange der Unendlichkeit ruht, ist das anschaulichste Symbol, das je hervorgebracht wurde. Es ist das Weltall, das sich aus der Zentralsonne, dem Punkt, dem immer verborgenen Keim, entwickelt. Lakshmî, die der weibliche Aspekt des Vishnu ist und im Râmâyana auch Padma, der Lotos, genannt wird, wird ebenfalls auf einer Lotosblume schwimmend dargestellt, bei der „Schöpfung“ und während des „Butterns des Ozeans“ des Raumes, sowie auch aus dem „Milchmeer“ hervorgehend, wie die Venus-Aphrodite aus dem Schaum des Ozeans.

 … Dann, auf dem Lotus sitzend, erhebt der
Schönheit Göttin, Schri, die
Unvergleichliche, sich aus den Wassern …

Sir Monier Williams (englischer Orientalist)

In der christlichen Religion sieht man auf jedem Bild der Verkündigung Mariä den Erzengel Gabriel, wie er in seiner Hand einen Zweig von Wasserlilien hält. Dieser Zweig, der Feuer und Wasser versinnbildlicht, oder die Idee der Schöpfung und der Zeugung, symbolisiert genau dieselbe Idee wie der Lotos in der Hand des Bodhisattva, der der Mahâ-mâyâ, der Mutter Gautamas, die Geburt des Buddha, des Weltheilands, ankündigt.

So wurden auch Osiris und Horus von den Ägyptern ständig in Verbindung mit der Lotosblume dargestellt, indem beide Sonnengötter oder Götter des Feuers waren – geradeso wie der Heilige Geist noch jetzt durch „feurige Zungen“ in der Apostelgeschichte dargestellt wird.

In Japan verehrt man den Lotos im Herzen. Man sagt dort, durch das Richten der Aufmerksamkeit auf das Herz öffne sich dieses als ein Lotos mit acht Blättern, und in jedem von ihnen regiere eine Macht, während in der Mitte der Herr von allem seinen Sitz hat. (AC)

 

Der Reichtum einer Blume – Resümee

Kommentar von Bärbel Ackermann

Wie aus dem Vorherigen hervorgeht, symbolisiert der Lotos die Einheit allen Seins. Wir können dieses herrliche Symbol auf den Kosmos beziehen: alles vereinend vom kleinsten Atom bis hin zu den erhabensten Sonnen, ihren Planeten und deren Bewohnern. Diese allumfassende Verbindung zeigt sich auch in den großen Weltreligionen und -philosophien. Obwohl sie sich, ihrer Zeit entsprechend, in Sprache und Darstellung unterscheiden, lehren sie essenziell die gleiche Wahrheit. Und so verwundert es nicht, dass sich auch der Mensch in dem Symbol des Lotos wiederfindet. Auch er enthält keimhaft schon vor der Geburt die Anlage für den voll entwickelten Menschen. Die Voraussetzung hierfür sind Reinkarnation und Karma, die kosmischen Naturgesetze, ohne die eine fortschreitende Evolution, gleich auf welcher Entwicklungsstufe einer Wesenheit, undenkbar ist. Hierdurch schließt sich der Kreis zwischen unserem materiellen Dasein und den unsichtbaren Bereichen und Welten.

Der Lotos – ein universales Symbol? Er ist viel mehr! Er dringt in Welten vor, die unser Leben mit Hoffnung und Zuversicht erfüllen können. Denn der Lotos verbindet das Sterbliche mit dem Unsterblichen, er erhebt das Niedere zum Höheren. So verliert auch der Tod seinen Schrecken, denn das, was wir heute noch Tod nennen, ist nur der Wechsel unseres Bewusstseins von einem Bewusstseinszustand in einen anderen. Geburt und Tod sind Tore in dem ewigen Kreislauf, dem wir ohne Ende, stets wachsend, reifend und lernend folgen. Welch eine erhabene Zukunft liegt noch vor uns!

Ist es nicht wunderbar, was uns eine kleine unschuldige Blume alles erzählen kann?

Auszüge und Literaturempfehlungen:
Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre.
Helena Petrowna Blavatsky: Isis Entschleiert.
William Quan Judge: Studien über die Bhagavad-Gîtâ.
Gottfried von Purucker: Mit der Wissenschaft hinter die Schleier der Natur.
Gottfried von Purucker: Der Mensch in der Unendlichkeit,

 

Vishnu und Lakshmî auf der Schlange der Unendlichkeit

Vishnu und Lakshmî auf der Schlange der Unendlichkeit

 

Lakshmî, der weibliche Aspekt des Vishnu, auch Padma, der Lotos genannt

Lakshmî, der weibliche Aspekt des Vishnu, auch Padma, der Lotos genannt

 

Venus-Aphrodite geht aus dem Milchmeer hervor.

Venus-Aphrodite geht aus dem Milchmeer hervor. Sandro Botticelli (1444–1510).

 

Ein Verkündigungsengel hält einen Zweig von Wasserlilien. Genter Altar, Kathedrale St. Bavo in Gent, Hubert und Jan von Eyck (1432).

Ein Verkündigungsengel hält einen Zweig von Wasserlilien. Genter Altar, Kathedrale St. Bavo in Gent, Hubert und Jan von Eyck (1432).

 

Osiris mit Lotos

Osiris mit Lotos.

 

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